Schafe im Weinberg

An der Hochschule Rottenburg, dort in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Rainer Luick, läuft von 2019 bis 2022 ein Forschungsvorhaben, das sich mit der Beweidung von Weinbergen durch Schafe beschäftigt.

Schafe weiden im Weinberg

Der korrekte Titel des Projektes ist: W3: Win-Win im Weinberg – innovatives, ökologisches und ökonomisches Weinbergmanagement mit extensiver Schafbeweidung. Projektmanager ist Nicolas Schoof (Schoof@dont-want-spam.hs-rottenburg.de).

Das Vorhaben hat eine Laufzeit von 4 Jahren und wird mit 400.000 € von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg (am Ministerium für Umwelt, Klima & Energiewirtschaft) gefördert. Mit Ko-Förderungen beteiligt sind weiterhin auch die Musella-Stiftung / Freiburg und die Heidehof Stiftung / Stuttgart. Wissenschaftliche Partner sind die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Fakultät für Biologie / Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen und die Fakultät Umwelt / & Natürliche Ressourcen / Prof. Dr. Alexandra Klein) und das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg.

Das Forschungsvorhaben in Kürze
Doppelnutzungsformen sind in der Landwirtschaft ein wesentlicher Baustein zur Steigerung der Flächenproduktivität und der Risikosteuerung und bei einer rasch steigenden Weltbevölkerung wohl auch vielfach einzufordern. Das betrifft speziell die landwirtschaftlichen Flächen, die bislang ausschließlich zur Produktion von Genussmitteln genutzt werden. Allerdings sind die Abläufe verschiedener Nutzungsformen auf derselben Fläche in der Regel nur schwer vereinbar oder werden in der Praxis aus anderen Gründen abgelehnt. Nur in seltenen Fällen ergeben sich Synergien – so auch bei der Schafshaltung in Weinbergen? 

Kaum 70 Jahre ist es her, dass Weidetiere in Weinbergen relativ häufig und keine Ausnahme waren. In der Weidetierhaltung war das Futter knapp und Rebflächen boten eine Nahrungsgrundlage – speziell im Winter. Gleichzeitig war Kunstdünger teuer oder überhaupt nicht verfügbar. Der Weinbau war also auf die Ausscheidungen der Tiere angewiesen. Je nach lokalen Gegebenheiten (z. B. Stockdichte, Erziehungsform) wurden unterschiedliche Beweidungsformen in Weinbergen praktiziert. Nicht nur Schafe, sondern auch Gänse, Enten, Hühner und sogar Kühe und Schweine waren – zumindest temporär – Gäste des Weinbaus.

Heute sorgen Schafe im Weinberg für viel Erstaunen und bei manchem Winzer auch für Kopfschütteln. Gleichzeitig suchen viele Schäfer in Europa nach Futterflächen und würden deshalb vor allem im Winter gerne auch Rebflächen bestoßen. Wiederkäuer sind ein natürlicher Bestandteil unserer Ökosysteme und ermöglichen bzw. stärken ökologische Prozesse, die von Mensch oder Maschine nur schwer substituiert werden können – so z. B. ein weidetypisch vitales Bodenleben. Schafe sind also potentiell ein ökologisch zielführender Baustein der ganzheitlichen Bewirtschaftung von Weinbergen. Welche Vorteile könnten sich durch die Flächenextensivierung und Doppelnutzung ergeben? Im März dieses Jahres startete ein mehrjähriges, von der Stiftung Naturschutzfonds BW gefördertes Forschungsprojekt in Südbaden, um dieser Frage nachzugehen. Forschungspartner sind die Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg sowie die Universität Freiburg, vertreten durch die Professuren Naturschutz und Landschaftsökologie sowie Geobotanik. Folgende Potentiale des Einsatzes von Schafen werden von den Forschungspartnern evaluiert:

  1. Doppelnutzungsansätze versprechen eine Steigerung der Flächeneffizienz; mit der Doppelnutzung der Rebfläche können zusätzliche Produkte (Wolle, Fleisch) auf Basis einer Revitalisierung historischer Nutzungsformen generiert werden.
  2. Die Tiere können das händische bzw. chemikalische Stammputzen der Rebstöcke (Entfernung unerwünschter Triebe) ersetzen und
  3. die kostenintensive Freistellung der Traubenzone (phytosanitäre Zwecke; v. a. bei Rotweinsorten erwünscht) bewerkstelligen.
  4. Als „Rasenmäher“ können Schafe die Begleitwuchsregulation übernehmen und machen daher den Einsatz von Herbiziden sowie einige Überfahrten (Mulchen, Fräsen, Unterstockpflege mit Scheibenpflug) überflüssig.
  5. Es erscheint logisch, dass eine solche Bewirtschaftungsumstellung bislang ruhende Ökosystemleistungen aktivieren kann (Biodiversität, Erosionsvermeidung, etc.), zumal viele Reben auf naturschutzfachlich hoch interessanten Flächen liegen.
  6. Alte, bedrohte Schafsrassen (z. B. Rauhwolliges Pommersches Landschaf) eignen sich aufgrund ihrer Körpergröße womöglich besonders gut, um die zuvor genannten Potentiale zu erfüllen. Die Integration dieser Rassen wäre wiederum ihrem Erhaltungszustand dienlich.
  7. Der Einsatz von Schafen kann in einem engen Markt gewinnbringend für das Marketing des Weins eingesetzt werden.
  8. Ein solches Doppelnutzungsmodell sollte nach Möglichkeit auch die Potentiale der Berufsschäferei einbinden und hier Synergien freisetzen (z. B. durch ein Rent-some-Sheep-Modell) – also den Schäfereien zu einem zusätzlichen Einkommen verhelfen, was im Optimalfall mit einer Kostenreduktion für den Weinbau einhergeht.

Die aufgeführten Potentiale erzeugen bei überraschend vielen Winzern (europaweit!) großes Interesse an der (Wieder-)Einführung von Schafen in den Weinbau. Allerdings ist tatsächlich noch nirgendwo eine konkrete Anleitung für dieses Doppelnutzungssystem zu finden. Ein tatsächliches oder vermutetes betriebliches Risiko der Umstellung von Maschine bzw. händischer Arbeit auf Schafe ist daher für die Winzer noch relativ schwer abzuschätzen. Wie mit jedem Nutztier verlaufen auch mit Schafen nicht alle Abläufe nach Plan, was für die Berücksichtigung der Anforderungen des Weinbaus eine zusätzliche Herausforderung darstellt. Daher ist es für den Praktiker umso wichtiger, über ein handlungsleitendes Koordinatensystem zu verfügen.

Aktuell liefern in dem Forschungsprojekt 35 Schafe auf fünf verschiedenen Versuchsflächen Einblick in alle notwendigen und optionalen Arbeitsschritte, Chancen und natürlich Herausforderungen. Alle Abläufe werden dokumentiert, um sie später für einen Handlungsleitfaden aufzubereiten. Ziel ist, möglichst alle aufkommenden Fragen der Praxis (von der Anschaffung der Tiere, über weinbauliche Anpassungen bis zu veterinärmedizinischen Aspekten) aufzugreifen und über die Jahre Idealmodelle für unterschiedliche Reberziehungsformen und -sorten zu destillieren. Speziell für Steillagen, für Reben in Umkehrerziehung, Minimalschnitt oder mit Hagelschnutznetzen sind Schafe wahrscheinlich eine ökonomisch hoch interessante Alternative zur maschinellen und menschlichen Arbeitskraft. Diese Annahme gilt es zu evaluieren.

Da die EU nach aktuellem Stand für die nächste Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik qualifizierende 2. Säule-Maßnahmen für Sonderkulturen einfordert, bietet sich eventuell die Möglichkeit, die Erfahrungen des Projektes in die Programmierung entsprechender Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen auf Länderebene einzuspeisen. Somit könnte zukünftig der Einsatz von Schafen auch in topographisch günstigen Flächen (noch) attraktiver sein.

m Grundlagen-orientierten Forschungsmodul werden die Wirkungen der Schafe, die einen reduzierten Einsatzes von Maschinen und die Einstellung der Herbizidausbringung ermöglichen, untersucht. Von Interesse sind nicht nur die biotischen (u. a. Vegetation, Struktur, Insekten), sondern auch die abiotischen (Bodenparameter) Veränderungen in den Reben. Die Ergebnisse der Grundlagenforschung werden mit Ablauf des vierjährigen Forschungsprojektes veröffentlicht. Ein erster Handlungsleitfaden für interessierte Winzer ist für das Jahresende geplant.