Schafe im Weinberg

Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Rainer Luick widmet sich in diesem Projekt der Erprobung und Erforschung eines neuen Doppelnutzungssystems. Ziel ist, die Potenziale der Integration von Schafen in den Weinbau zu evaluieren und Handlungsempfehlungen zu geben.

Schafe weiden im Weinberg
Poster: Mit Schafen zu richtig gutem Wein

Das Projekt firmiert unter dem Namen „Win-Win im Weinberg – innovatives, ökologisches und ökonomisches Weinbergmanagement mit extensiver Schafbeweidung“. Projektmanager ist Jakob Hörl (hoerl@hs-rottenburg.de), konzeptioniert wurde es von Dr. Nicolas Schoof. Selbstverständlich wird in diesem Projekt auch echter „Schafswein“ von beweideten Flächen erzeugt. Er ist zu beziehen in der Vinothek des Staatsweinguts Freiburg (Merzhauserstr. 119) und im Online-Shop.

Über das Projekt ist dankenswerterweise von 3Sat eine Dokumentation gedreht worden. Sie kann hier angesehen werden: Doku in der Wissenschaftssendung NANO auf 3sat

Das Vorhaben hat eine Laufzeit von 4 Jahren (2019-2022) und wird mit 400.000 € von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg (am Ministerium für Umwelt, Klima & Energiewirtschaft) gefördert. Mit Co-Förderungen beteiligt sind die Musella-Stiftung (Freiburg) und die Heidehof Stiftung (Stuttgart). Wissenschaftliche Partner sind die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Fakultät für Biologie / Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen und die Fakultät Umwelt & Natürliche Ressourcen / Prof. Dr. Alexandra Klein) sowie das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg.

Das Forschungsvorhaben in Kürze

Doppelnutzungsformen sind in der Landwirtschaft ein wesentlicher Baustein zur Steigerung der Flächenproduktivität und der Risikosteuerung und bei einer rasch steigenden Weltbevölkerung wohl auch aufgrund ihrer höheren Flächennutzungseffizienz einzufordern. Das betrifft speziell Flächen, die bislang ausschließlich zur Produktion von Genussmitteln genutzt werden. Allerdings sind die Abläufe verschiedener Nutzungsformen auf derselben Fläche in der Regel relativ schwer vereinbar oder werden in der Praxis aus anderen Gründen abgelehnt. Nur in seltenen Fällen ergeben sich Synergien – so auch bei der Schafshaltung in Weinbergen? 

Kaum 70 Jahre ist es her, dass Weidetiere im Winter in Weinbergen relativ häufig und keine Ausnahme waren. In der Weidetierhaltung war das Futter knapp und Rebflächen boten eine Nahrungsgrundlage. Gleichzeitig war Kunstdünger teuer oder überhaupt nicht verfügbar. Der Weinbau war also auf die Ausscheidungen der Tiere angewiesen.

Heute sorgen Schafe im Weinberg für viel Erstaunen und bei manchem Winzer auch noch für Kopfschütteln. Gleichzeitig suchen viele Schäfer in Europa nach Futterflächen und würden deshalb vor allem im Winter gerne auch Rebflächen bestoßen. Wiederkäuer sind ein natürlicher Bestandteil unserer Ökosysteme und ermöglichen bzw. stärken ökologische Prozesse, die von Mensch oder Maschine nur schwer substituiert werden können – so z. B. ein weidetypisch vitales Bodenleben. Schafe sind also potentiell ein ökologisch zielführender Baustein der ganzheitlichen Bewirtschaftung von Weinbergen.

Welche Vorteile könnten sich durch die Flächenextensivierung und Doppelnutzung ergeben? Folgende Potentiale des Einsatzes von Schafen werden von den Forschungspartnern evaluiert:

  1. Doppelnutzungsansätze versprechen eine Steigerung der Flächeneffizienz; mit der Doppelnutzung der Rebfläche können zusätzliche Produkte (Wolle, Fleisch) auf Basis einer Revitalisierung historischer Nutzungsformen generiert werden.
  2. Die Tiere können das händische bzw. chemikalische Stammputzen der Rebstöcke (Entfernung unerwünschter Triebe) ersetzen und
  3. die kostenintensive Freistellung der Traubenzone (zur Sicherung der Traubenqualität; v.a. bei Rotweinsorten erwünscht) bewerkstelligen.
  4. Als „Rasenmäher“ können Schafe die Begleitwuchsregulation übernehmen und machen daher den Einsatz von Herbiziden sowie einige Überfahrten (Mulchen, Fräsen, Unterstockpflege mit Scheibenpflug) überflüssig.
  5. Es erscheint logisch, dass eine solche Bewirtschaftungsumstellung bislang ruhende Ökosystemleistungen aktivieren kann (Biodiversität, Erosionsvermeidung, etc.), zumal viele Reben auf naturschutzfachlich hoch interessanten Flächen liegen.
  6. Der Einsatz von Schafen kann in einem engen Markt gewinnbringend für das Marketing des Weins eingesetzt werden.
  7. Ein solches Doppelnutzungsmodell sollte nach Möglichkeit auch die Potentiale der Berufsschäferei einbinden und hier Synergien freisetzen (z.B. durch ein Rent-some-Sheep-Modell) – also den Schäfereien zu einem zusätzlichen Einkommen verhelfen, was im Optimalfall mit einer Kostenreduktion für den Weinbau einhergeht.

Die aufgeführten Potentiale erzeugen bei überraschend vielen Winzern großes Interesse. Allerdings ist tatsächlich noch keine konkrete Anleitung für die Umsetzung des Doppelnutzungssystems unter den hiesigen Bedingungen zu finden. Ein tatsächliches oder vermutetes betriebliches Risiko der Umstellung von Maschine bzw. händischer Arbeit auf Schafe ist daher für die Winzer noch relativ schwer abzuschätzen. Wie mit jedem Nutztier verlaufen auch mit Schafen nicht alle Abläufe nach Plan, was für die Berücksichtigung der Anforderungen des Weinbaus eine zusätzliche Herausforderung darstellt. Daher ist es für den Praktiker umso wichtiger, über einen Handlungsleitfaden zu verfügen. Diesen wird das Forscherteam liefern.

Aktuell liefern in dem Forschungsprojekt rund 50 Schafe auf fünf verschiedenen Versuchsflächen Einblick in alle notwendigen und optionalen Arbeitsschritte, Chancen und Herausforderungen. Alle Abläufe werden dokumentiert, um sie später für einen Handlungsleitfaden aufzubereiten. Ziel ist, möglichst alle aufkommenden Fragen der Praxis (von der Anschaffung der Tiere, über weinbauliche Anpassungen bis zu veterinärmedizinischen Aspekten) aufzugreifen und über die Jahre Idealmodelle für unterschiedliche Reberziehungsformen und -sorten zu destillieren. Speziell für Steillagen, für Reben in Umkehrerziehung, Minimalschnitt sind Schafe wahrscheinlich eine ökonomisch hoch interessante Alternative zur maschinellen und menschlichen Arbeitskraft

Im Grundlagen-orientierten Forschungsmodul werden die Wirkungen der Schafe, die einen reduzierten Einsatzes von Maschinen und die Einstellung der Herbizidausbringung ermöglichen, untersucht. Von Interesse sind nicht nur die biotischen (u.a. Vegetation, Struktur, Insekten), sondern auch die abiotischen Veränderungen (Bodenparameter) in den Reben. Die Ergebnisse der Grundlagenforschung werden mit Ablauf des vierjährigen Forschungsprojektes veröffentlicht.

Das Forschungsprojekt wurde einer Fachjury des Bundespräsidenten ausgewählt und zur Woche der Umwelt eingeladen. Leider fand die Veranstaltung nur digital statt. Gerne hätte das Projektteam mit Schafen und Weinreben vor großem Publikum auf das zukunftsweisende Projekt aufmerksam gemacht. Ersatzweise mussten ein paar schöne Poster herhalten. Geehrt fühlte man sich trotzdem. Hier geht es zur Aussteller-Seite: https://www.woche-der-umwelt.de/ausstellerKonkret/1724

Presseveröffentlichungen: 

Veröffentlichte Fachliteratur:

  • N. Schoof, A. Kirmer, J. Hörl, R. Luick, S. Tischew, M. Breuer, F. Fischer, S. Müller, V. v. Königslöw (2021): Sheep in the vineyard: First insights into a new integrated crop-livestock system in Central Europe. Sustainability, 13(22), 12340. Link
  • L. Conrad, M. Henke, J. Hörl, R. Luick, N. Schoof (2020): Schafe im Weinbau – Eignung unterschiedlicher Rassen und mögliche Zuchtziele. Berichte über Landwirtschaft 98(3): 1–18. Link
  • N. Schoof, A. Kirmer, R. Luick, S. Tischew, M. Breuer, F. Fischer, S. Müller, V. von Königslöw (2020): Schafe im Weinbau – Chancen und Herausforderungen, praktische Umsetzung und Forschungsziele. Naturschutz und Landschaftsplanung 52(6), 272–279. Link

Weitere Ressourcen

Mit Unterstützung der Stiftung Naturschutzfonds gefördert aus zweckgebundenen Erträgen der Glücksspirale.

Logos: Stiftung Naturschutzfonds und Glücksspirale