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Wochenexkursion Erneuerbare Energien 2018

Veröffentlicht am: 08. Juni 2018

Exkursionsbericht

Vom 14.05. bis 18.05.2018 unternahmen sechzehn Studierende aus dem 4. Semester des Studiengangs Erneuerbare Energien eine Wochenexkursion durch das nördliche Bayern. Unter der Leitung von Prof. Dr. Frank Brodbeck wurden insgesamt sieben Exkursionspunkte rund ums Thema „Erneuerbare Energien“ besucht. Begleitet und unterstützt wurde die Gruppe von Nina Martin (Studiengangskoordinatorin EE).

Die erste Station war der Bayernhafen in Aschaffenburg. Auf einer Ansiedlungsfläche von über 100 ha haben sich 60 Unternehmen angesiedelt, darunter ein großes Laubholzsägewerk (Fa. Pollmeier), eine Zellstoff- und Papierfabrik (Fa. Sappi) und ein Biomasse-Heizkraftwerk. Große Mengen an Holz werden im Hafen per Binnenschiff, Bahn und LKW umgeschlagen.

Am Dienstagvormittag besichtigte die Gruppe das Biomasseheizkraftwerk im Aschaffenburger Hafen. Im Kraftwerk der Aschaffenburger Versorgungs-GmbH werden durch einen jährlichen Umsatz von 30.000 t Holz ca. 1,3 MW elektrische und 5 bis 6 MW thermische Energie bereitgestellt. Der Strom wird eingespeist und nach EEG 2009 vergütet. Die erzeugte Wärme fließt in ein angeschlossenes Fernwärmenetz, welches über 1,5 km Leitung den nahegelegenen Stadtteil Leider sowie einige öffentliche Einrichtungen der Stadt Aschaffenburg versorgt. Die in den warmen Monaten nicht benötigte Heizwärme wird seit 2018 zur Trocknung von Klärschlamm verwendet, welcher anschließend als Ersatzbrennstoff in Braunkohlekraftwerken zum Einsatz kommt. Zur Verbrennung wird im BMHKW Aschaffenburg ausschließlich Landschaftspflegeholz verwendet, da dies eine höhere Vergütung garantiert als anderes Energieholz.

Am Dienstagnachmittag ging es auf die andere Seite des Mains zur Papier- und Zellstofffabrik Sappi Stockstadt GmbH. Das Werk hat eine Jahresproduktion von 450.000 t Feinpapier und 160.000 t Zellstoff. Das Werk verfügt ferner über ein eigenes Kraftwerk zur Strom- und Wärmerzeugung. Im Kraftwerk werden zum Großteil erneuerbare Brennstoffe genutzt, unter anderem Lignin, das beim chemischen Aufschluss des Holzes von der Zellulosefaser getrennt wird. Das Buchenholz für die Zellstoffherstellung stammt überwiegend aus den nahegelegenen Waldgebieten (Odenwald, Spessart, Rhön).

Nach einer Übernachtung im Schullandheim Lützel fuhr die Gruppe weiter ins oberfränkische Hallerndorf. Dort erläuterten uns drei nette Damen von der Naturstrom AG das Konzept des Projektes „Nahwärmenetz in Hallerndorf“. Bayerns größte Solarthermieanlage erzeugt dort Wärme, die in ein Nahwärmenetz eingespeist wird. Wenn die Sonnenenergie nicht ausreicht, springen die Holzheizkessel ein, die mit Holzhackschnitzel oder Holzpellets betrieben werden. Im Heizraum befinden sich vier kleine Kessel mit je 145 kW und ein Grundkessel mit 300 kW. Sie werden in Kaskade geschaltet, je nachdem wieviel Wärme benötigt wird. Um das Konzept der erneuerbaren Energieerzeugung abzurunden, verfügt die Anlage auf dem Büro- und Kesselgebäude eine Photovoltaik-Anlage mit einer Leistung von 26 kWp, die den benötigten Strom produziert. Überschüsse werden ins Netz eingespeist.

Der nächste Exkursionspunkt am Mittwochnachmittag war die Bürgerwind Region Freudenberg. Dort besichtigten wir eine Windkraftanlage (WKA), die sich zu 60 % in Besitz der Bürger von Witzlricht (Ortsteil von Freudenberg) befindet. Die Gewinne aus der Energie-erzeugung werden über ein selbst erdachtes Flächenpachtmodell ausgeschüttet. Die Anlage hat eine Nabenhöhe von 138 Metern und einen Rotordurchmesser von 82 Metern. Vor Erteilung der Baugenehmigung mussten umfangreiche Artenschutzgutachten erstellt werden. Da bedrohte Fledermausarten in der Nähe des Standorts der WKA gefunden wurden, musste eine Fledermausabschaltung installiert werden. Wenn Wetterbedingungen herrschen, bei denen Fledermäuse fliegen, wird die Windkraftanlage automatisch abgeschaltet. So werden im Sommerhalbjahr nachts bei Windgeschwindigkeiten unter 6,2 Meter pro Sekunde und wenn es nicht regnet, die Rotoren aus dem Wind gedreht, damit sie stillstehen.

Am Donnerstagvormittag stand eine Besichtigung des Sägewerks der Ziegler Holzindustrie GmbH & Co. KG mit Sitz in Plößberg (Oberpfalz) auf dem Programm. Mit einem Jahreseinschnitt von 1,8 Mio. Festmetern handelt es sich dabei um Europas größtes Sägewerk! Pro Tag werden rund 5.000 Festmeter Nadelholz eingeschnitten, das entspricht rund 250 LKW-Ladungen täglich. Ein großer Teil des Rundholzes kommt auch aus dem benachbarten Tschechien, wo aktuell große Mengen an Käferholz anfallen. Das Sägewerk weist fünf Produktionslinien auf, welche auf die unterschiedlichen Sortimente abgestimmt sind. Das Starkholz wird in einem Gatterwerk eingeschnitten, das Bauholz mit der Bandsäge. Außerdem sind noch drei Profilierlinien am Einschnitt beteiligt. Für den Betrieb der Trockenkammern des Sägewerkes verfügt die Ziegler Holzindustrie über ein eigenes Heizkraftwerk. Als Brennstoff dient die während der Produktion anfallende Rinde. Bei dem Heizkraftwerk handelt es sich um eine Rostfeuerung mit einer Feuerungsleistung von 11,7 MW. Während des Prozesses wird Thermoöl verdampft, welches anschließend in einer Turbine entspannt wird und dadurch an einem direkt gekoppelten Generator elektrische Energie erzeugt. Somit entstehen 1,8 MW elektrische Leistung, welche ins Mittelspannungsnetz eingespeist wird.

Als letzter Programmpunkt der Wochenexkursion stand am Donnerstagnachmittag eine Führung durch das Pelletwerk Ziegler in Plößberg an. Dort werden rund 100.000 Tonnen Holzpellets (zu 100% ENplus-zertifiziert) und 20.000 Tonnen Holzbriketts pro Jahr produziert. Der Standort des Werks ist für die Produktion von Pellets sehr günstig, da im Umkreis von 10 km zwei große Sägewerke liegen (siehe oben), die die zur Produktion von Holzpellets und Briketts benötigten Sägespäne liefern. Da die angelieferten Sägespäne eine Feuchte von 40-60% aufweisen findet zuerst eine Trocknung der Späne statt. Dies geschieht über zwei Bandtrockner, welche die thermische Abwärme von zwei Heizkraftwerken nutzen. Die Heizkraftwerke produzieren eine thermische Leistung von 20 MW und werden mit Holzhackschnitzeln betrieben.

Mit einem Grillfest an unserer Unterkunft (Jugendherberge Falkenberg-Tannenlohe) wurde das offizielle Programm der Exkursion am Donnerstagabend beendet. (alle Fotos: Frank Brodbeck)