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Wie kann Rottenburg wachsen, ohne seine Klimareserven zu verbauen?

Veröffentlicht am: 14. September 2026

Studierende zeigen, wie Wohnraumentwicklung und Klimaanpassung gemeinsam gedacht werden können.

Wo kann eine Stadt neuen Wohnraum schaffen, ohne dafür gerade jene Freiräume zu verlieren, die an heißen Tagen kühlen, bei Starkregen Wasser aufnehmen und Lebensraum für Tiere und Pflanzen bieten? Mit dieser Frage beschäftigten sich Studierende des Studiengangs Nachhaltiges Regionalmanagement an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg. Im Modul „Landschaftsplanung II“ arbeiteten sie als drei fiktive Planungsbüros an der Frage, wo in der Rottenburger Kernstadt ein neues Wohnquartier entstehen könnte und wie dieses klimaangepasst und ökologisch gestaltet werden sollte.

Rottenburg diente als reales Beispiel; aus den studentischen Vorschlägen ergeben sich keine planerischen Konsequenzen. „Unser Ziel war nicht, einen Bebauungsvorschlag für Rottenburg zu erarbeiten. Die Studierenden sollten lernen, räumliche Entwicklungsentscheidungen wissenschaftlich zu begründen und dabei Klimaanpassung, Naturschutz und Wohnraumbedarf gemeinsam zu betrachten“, erläutert Dozent Gottfried Hage. Die Studierenden sollten nicht sofort ein Quartier entwerfen, sondern zunächst begründen, ob und wo überhaupt gebaut werden sollte.

Die Studierenden bewerteten verschiedene denkbare Entwicklungsflächen. Neben Erschließung und Flächengröße untersuchten sie unter anderem Bodenqualität, Biotope und Artenvielfalt, Kaltluftentstehung, Wasserhaushalt, Starkregenrisiken, Landschaftsbild und Erholungsfunktion. Grundlage waren ausschließlich öffentlich zugängliche Planungsunterlagen und Geodaten. Ergänzend führten die Studierenden eigene Geländeerhebungen durch und erstellten Karten und räumliche Analysen. Die Leitfrage war damit nicht: „Wo ist noch Platz?“, sondern: „Welche Funktionen erfüllt eine Fläche heute – und was geht verloren, wenn sie bebaut wird?“

Wie wichtig Klimaanpassung für die Stadtentwicklung geworden ist, zeigen auch die Klimadaten: In einem der studentischen Berichte wird für Rottenburg ein Anstieg der mittleren Jahrestemperatur von 8,6 auf 9,5 Grad zwischen den Klimazeiträumen 1971–2000 und 1991–2020 genannt. Die Zahl heißer Tage mit mindestens 30 Grad stieg von sechs auf elf Tage pro Jahr. Grünflächen, unversiegelte Böden und Luftaustauschbahnen gewinnen damit zunehmend an Bedeutung.

Der Vergleich der untersuchten Standorte führte zu keiner eindeutigen Lösung. Während eine Gruppe einen Bereich aufgrund guter Erschließung und vorhandener Infrastruktur bevorzugte, sprachen sich die beiden anderen Planungsbüros dafür aus, bereits bebaute Quartiere weiterzuentwickeln und eine zusätzliche Außenentwicklung möglichst zu vermeiden. Deutlich wurde dabei: Rechnerische Bewertungsverfahren können Planungsentscheidungen unterstützen, ersetzen aber nicht die fachliche Abwägung. Einzelne schwerwiegende Konflikte mit Natur- oder Klimaschutz können wichtiger sein als eine insgesamt günstige Bewertung. Beispielsweise standen bei einem sehr gut erschlossenen Bereich am Ortsrand erhebliche Konflikte mit Streuobstbeständen, Mähwiesen und Arten gegenüber.

Bei der Gestaltung klimaangepasster Quartiere kamen die Gruppen dagegen zu ähnlichen Ergebnissen. Vorgeschlagen wurden eine kompakte und flächensparende Bebauung, zusammenhängende Grünräume, große schattenspendende Bäume, begrünte Dächer und Fassaden sowie wasserdurchlässige Wege. Eine zentrale Rolle spielte das Prinzip der „Schwammstadt“: Regenwasser soll in Mulden, Retentionsflächen oder Zisternen zurückgehalten werden, statt möglichst schnell in der Kanalisation zu verschwinden. Grün- und Frischluftkorridore sowie attraktive Fuß- und Radwege ergänzen diese blau-grüne Infrastruktur.

Mit kartographischen Informationssystemen und KI-gestützten Bildwerkzeugen entwickelten die Studierenden zudem räumliche Zielbilder. So zeigt der Entwurf „Wasserwege & Höfe“ des Planungsbüros Zukunftsgrün einen grünen Quartiersraum mit Bäumen, begrünten Gebäuden und einem Retentionsbach. Die Visualisierungen sind keine Bebauungspläne, sondern sollen zeigen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse und planerische Leitlinien räumlich umgesetzt werden könnten.

Am Ende stand daher weniger eine Antwort auf die Frage „Wo soll Rottenburg bauen?“ als die Erkenntnis, wie solche Entscheidungen getroffen werden sollten. Wohnraumentwicklung, Klimaanpassung und Naturschutz müssen nicht zwangsläufig Gegensätze sein. Voraussetzung ist, ökologische und klimatische Funktionen bereits bei der Standortwahl zu berücksichtigen. Das Lehrprojekt zeigt damit: Zukunftsfähige Stadtentwicklung beginnt nicht mit dem ersten Haus, sondern mit einer sorgfältigen Abwägung der Funktionen des Landschaftsraums.

Der studentische Entwurf „Wasserwege & Höfe“ verbindet kompakte Bebauung mit Bäumen und Stauden, begrünten Gebäuden sowie einem Retentionsbach, der Regenwasser aufnimmt und zugleich zur Kühlung und Aufenthaltsqualität beiträgt. Visualisierung: Planungsbüro Zukunftsgrün / HFR, KI-gestützt.

Wie könnte ein klimaangepasstes Wohnquartier aussehen? Der studentische Entwurf „Wasserwege & Höfe“ verbindet kompakte Bebauung mit Bäumen und Stauden, begrünten Gebäuden sowie einem Retentionsbach, der Regenwasser aufnimmt und zugleich zur Kühlung und Aufenthaltsqualität beiträgt. Visualisierung: Planungsbüro Zukunftsgrün / HFR, KI-gestützt.