Madagaskar – Kooperationssuche an der HFR
Veröffentlicht am: 19. Oktober 2026

Die Zahlen sprechen für sich: Seit 1990 ca. 10 Mio. ha Waldverlust (entspricht knapp der aktuellen Waldfläche in Deutschland), heute nur noch ca. 10 Mio. ha übrig, ca. 15-20 % Waldanteil der madagassischen Landfläche und dies bei gut 33 Mio. Einwohnern und einem der ärmsten Länder der Welt. Dies sind nur einige der vielen Gründe, weshalb der madegassische Bischof Luc Olivier Razafitsimialona (Kath. Diözese Tolagnaro) sich am 07.10.2026 auf den Weg zur Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg gemacht hat.
In Besprechungen mit den Fachleuten der HFR wurde zunächst umfassend die Situation auf der Insel erörtert. Insbesondere der Klimawandel bringt eine akute Verschärfung der Wasserknappheit mit sich. Um das Überleben der insgesamt sehr jungen Bevölkerung zu sichern, sind Brunnen mit sauberem Wasser die erste Priorität in der Hilfe für die Bevölkerung. Langfristig sind Wiederaufforstungsmaßnahmen notwendig, ggf. in Form von Agroforstsystemen, um Ernährungssicherheit, nachhaltiges Wassermanagement und klimaresiliente Landnutzung zu kombinieren. Auch die Anlage von Sanddämmen in Flussläufen könnte die kritische Wassersituation verbessern.
Prof. Jens Poetsch, Agrarwissenschaftler im Studiengang Erneuerbare Energien, ergänzt aus eigener Projekterfahrung in Madagaskar: „Oft kann man die landwirtschaftliche Produktivität schrittweise wieder herstellen, am besten auf kleineren Flächen, aber dort mit vollem Einsatz: organisch düngen, mehrjährige Strukturen schaffen – auch Agroforst ist sehr gut geeignet –, standortgeeignete Arten anbauen und Wasser zeitlich und räumlich umverteilen, wenn es denn saisonal welches gibt.“ Dass dies Zeit und Geld erfordert, ist jedoch auch klar – die Forschung kann hierbei mit Konzepten und Weiterbildung helfen.
Bischof Razafitsimialona hat in seiner erst zweijährigen Amtszeit erste Weichen für seine Diözese gestellt: u.a. muss zu jeder Taufe in den Kirchengemeinden ein Baum gepflanzt und danach umsorgt werden. Bildungskooperationen werden gesucht und es wurden mit wichtigen Akteuren Gespräche zur nachhaltigen Ressourcennutzung begonnen. Hier versucht er die traditionell starke gesellschaftliche und moralische Stimme als Bischof in die Waagschale zu werfen.
Nach einem öffentlichen Vortrag des Gastes (Moderation Prof. Bastian Kaiser) wurde deutlich, dass auch in diesem Land Armut, Abholzung und illegale Minen (Glimmer für Gesundheitsindustrie und E-Technik in reichen Ländern) eng mit Korruption verknüpft ist. Zudem werden Phasen politischer Instabilität gezielt ausgenutzt: beispielsweise brach nach dem Militärputsch im Jahr 2009 der Tourismus ein und internationale Gelder wurden eingefroren. Die dadurch entstandene staatliche Kontrolllosigkeit nutzten kriminelle Netzwerke, um die Nationalparks in beispiellosem Ausmaß zu plündern. Die Einnahmen aus dem illegalen Holzhandel flossen in Teilen zurück in die Politik, um Machtstrukturen zu sichern.
Bei solch umfassenden Problemen war nur folgerichtig, dass aus dem Auditorium die Frage gestellt wurde, ob Bischof Razafitsimialona auch von Lichtblicken in Madagaskar berichten könne. Nach der mehrfachen Erwähnung von „Planungen für technische Lösungen“ gab er im kleinen Kreis eine weitere Antwort: „Das starke Gefühl des persönlichen Zusammenhaltes und der Verbundenheit unter den Gläubigen“.
Möge dieser Besuch zu einer Kooperation mit beidseitigem Erfolg führen!
Weitere Informationen
Daniela Schloz (schloz@hs-rottenburg.de (Rektorat))
Prof. Dr. habil. Heidi Megerle (megerle@hs-rottenburg.de) für den Studiengang Wasser.
Prof. Dr. Jens Poetsch (poetsch@hs-rottenburg.de) für den Studiengang Erneuerbare Energien.
Prof. Dr. habil. Sebastian Hein (hein@hs-rottenburg.de) für das International Office.

