| Wood Science and Technology Center der University of New Brunswick |
Hallo HFR,
Nachdem ich den ersten Teil des Praxissemesters in Deutschland gemacht habe, bin ich nunmehr seit 11 Wochen in Nordamerika unterwegs. Mein Weg hat mich zuerst über die USA gefürht. Dort habe habe ich den zweiten Teil des Praktikums mit einer Woche Urlaub bei einer Freundin in Denver\Colorado begonnen und hab den Rocky Mountain National Park besucht. Das war der Moment, in dem ich erstmals die ueberwältigende Weite dieses Kontinents gespürt habe. Anschließend bin ich zu meinem Praktikumsplatz nach Fredericton in Kanada geflogen. Hier arbeite ich seit 10 Wochen im Wood Science and Technology Center der University of New Brunswick. Ich wohne gemeinsam mit 2 weiteren Studenten in einem kleinen Haus mit Garten mitten in der Stadt. Den Garten teilen wir uns allerdings mit einer Murmeltier-Familie, vielen Eichhörnchen und einem Waschbär, der immer dienstags kommt, wenn wir den Müll rausstellen.
Das Wood Science Center gehört zur UNB, der ältesten Uni Kanadas, arbeitet allerdings auch im Auftrag privater Auftraggeber. 23 Wissenschaftler, Techniker und Studenten aus der ganzen Welt arbeiten hier gemeinsam an Forschungsprojekten im Bereich Holztechnologie und Wood Engeneering. Die Belegschaft besteht derzeit aus 8 Nationen (China, Japan, Indonesien, Philipinen, Mongolei, USA, Kanada, Deutschland) Die meisten Studenten, die hier beschäftigt sind, sind Graduate Students, das heisst, dass sie entweder einen Master machen oder an einer Doktorarbeit arbeiten. Praktikanten wie mir, gibt das die Möglichkeit den Gradstudents zu assistieren. Neben der Arbeit im Labor bietet das Center aber noch mehr. So bekam ich die Möglichkeit am internationalen Kongress der Forest Product Society in Quebec City teilzunehmen und die Firmen Forintek und Boise zu besichtigen. Diese Reise nach Quebec City hat mir ein weiters Mal bewiesen, dass ich mich im zweitgrössten Land der Erde befinde. Wir sind 7 Stunden im Auto gefahren und haben eine Strecke zurückgelegt, die auf einer Kanada-Karte verschwindend klein ist.
New Brunswick ist zu 90% bewaldet. Alles dreht sich hier um die Forstwirtschaft, die in der Provinz die meisten Arbeitsplätze bereitstellt. Probleme ergeben sich allerdings aus der Bewirtschaftung der Wälder. Nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch noch heute, wird hier in den zugänglichen Gebieten grossflächiger, vollmechanisierter Kahlschag betrieben. Die benötigte Menge an Holz, das hauptsächlich als Baumaterial verwendet wird, ist allerdings so hoch, dass keine langen Umtriebszeiten zugelassen werden. Das hat wiederum zur Folge, dass es hier kaum starke Bäume gibt und somit kaum grossdimensionierte Produkte aus massivem Holz produziert werden können. Verbindungstechniken wie Keilverzinkung und Produkte wie OSB und LSL sind daher von besonderer Bedeutung.
Fredericton, Hauptstadt und Regierungssitz der Provinz New Brunswick, ist mit seinen 60.000 Einwohnern relativ beschaulich. Die Stadt ist klein genug, um immer wieder den selben Leuten zu begegnen, und selbst der Busfahrer kennt mich schon. Auch die Nachrichten des regionalen Fernsehsenders kann man mehrfach sehen, denn wenn hier nichts Neues und aufregendes passiert werden sie wiederholt bis es wieder News gibt.
New Brunswick ist eine der kleinsten Provincen Kanadas und gehört zu Atlantic Canada, den maritimen Gebieten ganz im Osten, zu denen außerdem die Provinzen Nova Scotia, Prince Edward Island und Newfoundland/Labrador zählen. Die Umgebung hier ist unbeschreiblich schön und hat mich schon einige Male sprachlos gemacht (manche von euch wissen, wie schwer das ist). Außerdem gewinnt man den naiven Blick für die Natur zurück, wenn man nach 5 Semestern Forstwirtschaft, durch einen Wald läuft und weder Baumarten noch Blütenpflanzen erkennt.
Genauso abwechslungsreich wie die Landschaft ist auch das Wetter. Entweder ist es richtig heiß mit weit über 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit oder es ist wirklich kalt und ohne Heizung kaum auszuhalten. Dazwischen, hab ich mir sagen lassen, gibt es nichts. Innerhalb eines Tages kann sich das auch mehrfach ändern. Der Busfahrer hat mal zu mir gesagt: “If you don’t like the weather in Fredericton, wait 5 minutes and it’ll change!” Ohne Scheiss, das stimmt. Außerdem hätte ich wirklich nicht gedacht, dass ich in Kanada den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens bekommen werde.
Nachdem ich aus den USA kam, haben mich hier in Kanada erstmal die Menschen beeindruckt. Jeder begegnet einem mit einem (wirklich ernst gemeinten) freundlichen Lächeln und niemand läuft einfach weiter, wenn man eine Frage hat. Daran lässt sich vielleicht ein wenig heraushören, wie es mir in den Staaten ergangen ist. Dagegen scheint es in Kanada nur relaxte, gutgelaunte Leute zu geben, die sich echt gern unterhalten. Viele sind interessiert, wie es in „Europa“ so ist, und jeder scheint zu wissen, dass es in Deutschland Autobahnen ohne Speedlimit gibt. Dagegen fahren die Autos hier ganz gemütlich, und falls man als Fußgänger zu nah an der Strasse läuft, dann halten sie einfach an und wollen einen über die Strasse lassen. Die Uhren scheinen hier allgemein langsamer zu ticken und wenn hier jemand sagt: „Give me a second“, dann kann das alles bedeuten, von einer Minute bis zu einer Woche.
Besonders stolz ist man im Osten Kanadas auf die Köstlichkeiten, die der Atlantik bereithält. Überall und in jedem Supermarkt kann man Hummer kaufen, gekocht oder auch lebendig, dazu kommt ein unüberschaubares Angebot an anderen Schalentieren, Muscheln und Fisch. Eine ganz andere Spezialität habe ich hier sofort nach meiner Ankunft kennengelernt - da war nämlich Fiddlehead-Saison. Fiddleheads sind unglaublicherweise die jungen, noch eingerollten Blätter des Farn, die in den Wäldern gepflückt werden. Gedämpft mit Butter, Salz und Pfeffer sind sie typisch für dieses Gebiet. Mir hat’s leider nicht geschmeckt!
Das Bild, das ich ursprünglich von Kanada hatte ist komplett anders zu dem, was ich hier sehe. Ich bin eine Woche lang durch die Atlantik-Provincen Nova-Scotia und PEI gereist und hab Landschaften gesehen, wie ich sie hier kaum erwartet hätte: Raue Küsten, Marschgebiete, vorgelagerte Inseln, Sandstrände.
Die Eindrücke, die ich bisher bekommen habe sind so vielfältig und abwechslungsreich, und ich hab gelernt, dass dieses Land jeden Tag Überraschungen bereithält - man muss nur spontan sein und sich darauf einlassen. So kam ich beispielsweise zu einem Motorrad Trip und einem Camping-Ausflug, ich hab ein Baseball-Spiel besucht und Dinosaurier-Fussabdrücke gesehen, ich war whale-watching, bin auf dem Atlantik mit dem Kayak gefahren, hab Weisskopf-Seeadler bei der Aufzucht ihrer Jungen beobachtet und total aufgeregt das Hinterteil eines Elchs fotografiert, hab mir eine Terantel über die Hand laufen lassen, Marshmallows am Lagerfeuer gegrillt, bin mit einem Quad gefahren, hab die längste überdachte Holzbrücke der Welt gesehen und am 01. Juli Canada-Day gefeiert. Dazwischen gab’s immer wieder wunderschöne Wasserfälle, endlose Wälder und traumhafte Ausblicke.
Ein Freund hat mir vor der Abreise gesagt: “Allein zu reisen ist nicht immer leicht, aber immer lohnend.” Diese Weisheit möchte ich gerne weitergeben, an diejenigen, die diese großartige Zeit noch vor sich haben oder vielleicht auch gerade mittendrin sind.
Viele liebe Grüsse aus dem Land, das mehr Seen hat, als der Rest der Welt zusammen.
Kerstin Straub
PS: Alle, die mich am 23.08. zurück erwarten, muss ich nun leider enttäuschen. Es ist zu schön zum weggehen. Ich komm erst im September!












