www.hs-rottenburg.net - Donnerstag, 17. Mai 2012
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| Halmahera, Indonesien 20.06.2005 |

Hallo Kommilitones und Interessierte !
Ich befinde mich gerade im Praxissemester in Indonesien auf dem nördlichen Teil der Insel Halmahera (Archipel Molukken) nahe der Stadt Tobelo, knapp über dem Äquator, etwa 13.000 km weit weg von zu Hause und auch fern vom allseits bekannten Bali, um ein Stück des echten, ungeschminkten fremden Landes kennen zu lernen welches ich bereiste und von dem ich bisher nur aus Büchern, Berichten, Fernsehreportagen (besonders von Sumatra nach Weihnachten 2004) und Erzählungen etwas wusste.
Ich wollte in diesem Praxissemester etwas erleben, was in Deutschland überhaupt nicht möglich wäre und an einen Ort gelangen, an dem fast nichts so ist wie man es bei uns daheim gewohnt ist, wo ich mehr oder weniger auf mich alleine gestellt bin und was zusätzlich eine etwas extremere Herausforderung darstellt, die ich so schnell nicht vergessen soll, und ich wollte das dann auch noch ganz für mich alleine erleben (wow, wie egoistisch), kurz: ich wollte ins kalte Wasser geworfen werden ;o)
Mein Wunsch wurde nicht unbedingt meinen Vorstellungen entsprechend erfüllt (…you can´t always get what you want…), denn das Wasser hat hier etwa 22 Grad, die Leute sind meist sehr hilfsbereit und zuvorkommend und eine Glotze hat hier auch fast jeder
(but if you try, sometimes … you get what you need). Trotzdem gibt es sie hier in Hülle und Fülle, die großen und besonders die vielen kleinen Unterschiede, die mich täglich staunen oder kopfschütteln lassen. Worüber man bei uns oft „na klaro“ sagt, antwortet man hier mit „maaf, apa ?“ (Verzeihung, was ?), z.B. wenn ich in einem kleinen Restaurant Besteck verlange oder dem Kellner später Trinkgeld geben möchte und er es mir wieder zurück gibt weil er nicht weiß was das soll und sich dann über eine Zigarette (bin noch immer stolzer Nichtraucher) schon fast übertrieben freut, oder ich im Supermarkt nach Klopapier frage und dann die auf Rollen aufgewickelten Servietten (=Klopapier) angeboten bekomme und natürlich wenn ich vorsichtshalber lieber mal frage ob das angebotene Fleisch vom Rind oder Hund ist.
Manchmal sind die Unterschiede wirklich zum Ablachen komisch und manchmal einfach nur unfassbar. Während ich mir hier oft einen abschwitze und morgens deshalb schon früh aufstehe um das angenehme kühlere Wetter auszunutzen, laufen viele Leute in Jacken herum weil es ja „nur“ ca. 20 Grad hat oder wie sich die Indonesier am Anfang meines Praktikums vor Lachen über mehrere Tage fast nicht mehr eingekriegt haben weil ich beim Essen die Gabel (anstatt den Löffel) in der rechten Hand hielt, und dass ich hier schon etwa 20 Leuten das Schnorcheln beigebracht habe…, das finde ich alles irre komisch und gleichzeitig absolut genial !
Dies sind nur ein paar wenige Unterschiede die das Land so interessant machen.
Außerdem ist es wirklich erwähnenswert dass die Leute hier soviel vom Europäischem Fußball wissen, besonders vom Championship von dem ich ehrlich gesagt noch nie eine Ahnung hatte und deshalb auch schon mal der Satz kam „ein Deutscher der nicht weiß in welcher Mannschaft Klose spielt, hahaha !!“Oliver Kahn, Ballack und Klinsmann genießen hier fast mehr Ansehen als bei uns im Land und ich sehe ständig Leute mit Deutschen Fußballtrikots herumlaufen.
Ich führte einmal eine Unterhaltung mit einem Professor über die Aufstellung der Deutschen Nationalmannschaft bei der WM 1986 in Mexiko und wir bekamen fast alle Spieler zusammen, das waren noch Zeiten als ich 8 war und der Djego den Matthäus…. ;o)
Ach ja, In Sachen Forstwirtschaft gibt’s hier auf den Molukken noch einen der letzten wirklich unberührten Urwälder auf unserer Welt, welcher wegen der ungünstigen Lage in Indonesien lange Zeit verschont blieb, nun aber auch so langsam geplündert wird und weil es hier zusätzlich auch noch Gold zu finden gibt ist das für die Natur, wie so oft in Entwicklungsländern natürlich nur von Nachteil.
Die Forstwirtschaft hier hat noch ganz andere Eigenarten weil sie doch so extrem unterschiedlich ist als bei uns in Europa. Man steht hier noch ganz am Anfang einer wirtschaftlichen und nachhaltigen Waldnutzung. Die Leute benötigen darin dringend Hilfe von außerhalb und die fängt wirklich schon beim Kette feilen an. Was man bisher aber schon alleine geschafft hat ist, dass die Waldbewirtschaftung Sache der Kommunen wurde und nun nicht mehr der rücksichtslosen Exploitation der korrupten Zentralregierung ausgesetzt ist, also die Basis für eine zukünftig funktionierende Forstwirtschaft vorhanden ist, die nun noch ausgebaut werden muss, was natürlich eine Zeitlang gehen wird und viel Geduld verlangt. Das schnelle Geld in Plantagenwirtschaft (und schlimmer noch Kahlschlag) lockt hier viel zu sehr und es benötigt extrem viel Überzeugungskraft dass ein tropischer Mischwald mit nachhaltiger Bewirtschaftung aus diversen Gründen die bessere Überlegung wäre, das ist aber alles nicht so leicht wie es sich für uns anhört. Die Nachbarländer (vor allem Malaysia) sind daran bestrebt sich soviel wie nur möglich aus dem indonesischen Wald zu holen und zwar so schnell wie möglich, um dann um 5 vor 12 noch rechtzeitig vom Goldesel abzuspringen. Das stehende Holz wird an Konzessionäre verkauft, die meist viel zu provisorischen Inventuren weisen viel zu wenig Holz pro Hektar aus und dazu kommt noch dass man kaum Kontrollen über die Einhaltung der Abholzungsflächen durchführt. Außer der Einstellung der Forstleute zum „Schnellen Geld“ fehlt es dann noch überall an Geld, somit an Maschinen und ausgebildetem Personal. Außerdem ist das Land sehr montan und dadurch an vielen Stellen sehr steil, und wenn da jetzt einer die voreilige, aber doch auch brillante Idee hat mit nem Seilkran anzurücken, sollte den letzten Absatz noch mal lesen.
Ein teils doch recht großes Problem ist für mich das zähe Zeitgefühl vieler Leute in diesem Teil der Welt. Man hat hier sogar einen eigenen lustigen Namen dafür „Jam Karet“ (=Gummizeit) und es ist „total normal“ wenn z.B. ein Arbeiter ein paar Stunden zu spät zur Arbeit kommt und Termine bzw. Verabredungen sich von einem auf den anderen Tag (teils Monat) verschieben…wenn sie dann überhaupt stattfinden und anstatt jemandem ehrlich zu sagen dass man etwas nicht weiß lieber irgendeinen Blödsinn erzählt (sehr schwierig dann darüber Berichte zu schreiben) oder Termine gerne auf „next week“ verschiebt und das oft eher „help yourself“ bedeutet (und das alles meinte ich einleitend mit „unfassbar“). Ich will damit nur sagen, dass man sich hier total umstellen muss und jedes Problem ganz anders angehen sollte als gewohnt à Patience and patience again ! Trotzdem bin ich auch auf eine Art glücklich darüber, denn die Herausforderung habe ich ja gesucht, und wenn man dann doch etwas auf die Beine gestellt bekommt ist man gleich doppelt so stolz drauf !
Die Menschen sind im Allgemeinen, an Europäischen Standards gemessen, arm, leben teils sogar von heute auf morgen und sozusagen von der Hand in den Mund. Ausbildungsmöglichkeiten und Infrastruktur gibt es hier kaum, dafür ist die kleine Insel einfach zu weit vom indonesischen Zentrum (Jakarta) entfernt und die Leute haben meist kein Geld für Reisen. Viele haben ihre Heimatinsel noch nie verlassen. Grundsätzlich funktioniert hier fast alles nur provisorisch und manchmal finde ich das gar nicht gut (…good times, bad times…) und brauch erstmal ne Rolling Stones Dröhnung ;o) Dann geht’s mir schon viel besser und ich erkenne, wie viel ich den Leuten hier mit einfachen Ideen und teils einfacher Arbeit helfen kann und besonders wie gut das dann bei denen dann ankommt und das kann süchtig machen !
Ich bin hier der Erste Deutsche Forst-Student auf der Insel, Touristen gibt es hier keine und wenn doch, sind es i.d.R. waschechte Abenteurer die den etwas anderen Urlaub suchen. Ein großer hellhäutiger Mensch ist hier ziemlich selten, was aber nichts besonderes heißen soll, nur dass man sich an die enorme Popularität die man eben deshalb immer und überall genießt und an das ständige „Hello Mister“ gewöhnen sollte.
Ich bin hier mal mit dem Moped die Straße entlang gefahren und musste dann anhalten weil der Sprit alle war (Benzinanzeige natürlich kaputt) und nun schieben angesagt war. Ich hatte sofort eine laute Kinderkolonne hinter mir und Hunde, Schweine und Ziegen laufen hier sowieso überall frei herum, es war „tropisch“ warm und ich schwitzte mir voll einen ab. Rings um mich herum Kokospalmen und man wird fast erschlagen von dem vielen grün um einen. Vor fast jedem Häuschen saßen Leute in gemütlicher Atmosphäre zusammen und alle freuten sich der Reihe nach ein solches Bild zu sehen und ich schob das Moped natürlich nicht lange… Ich glaube, dass das evtl. nicht für jeden nachzuvollziehen ist, aber in solch unverfälschten und bei uns doch sehr raren Momenten… ! blablabla, Gefühlsseligkeit ist in einem Bericht natürlich immer lächerlich aber irgendwie die Beste Beschreibung für solche Momente in denen die Welt still zu stehen scheint.
Ich konnte bei meiner Ankunft natürlich kaum ein Wort indonesisch und mein Englisch so lala. Leider gibt es nicht allzu viele Leute mit denen ich hier Englisch sprechen kann, aber glücklicherweise sind genau diese Leute meine Gastgeber, Professoren und neuen Freunde. Deutsch könnte ich hier fast verlernen weil ich es nur ab und zu für Telefongespräche mit Deutschland gebrauchen kann (wenns funktioniert) und natürlich meine Berichte ! Die Leute im College sahen mich oft mit 2 Wörterbüchern herumlaufen, eines Deutsch-Englisch und das andere Englisch-Indonesisch (sowie andersrum) und beide sind schon nach der Hälfte meiner Zeit hier ganz zerfleddert, aber mittlerweile klappts auch ganz gut mit den Sprachen. Das College ist erst 2 Jahre jung und hat ca. 500 Studenten die in den Studiengängen Forstwirtschaft, Business Management, Tourismus und Landwirtschaf untergebracht sind.
Die Indonesier auf Halmahera stehen Fremden gegenüber sehr offen gegenüber und verbergen ihre Neugier kaum. Da wird man schon öfter mal auf der Straße angesprochen und zum Essen eingeladen…und mehr ;o) hahaha, ach ja, gelacht wird hier übrigens so oft wie es nur geht und oft über jeden sch…. Es herrscht hier eine ziemlich festgefressene Hierarchiestruktur die besonders beim Essen deutlich wird. Zum Essen gibt’s übrigens regelmäßig Fisch, Reis, Gemüse, Papaya, Bananen und selbstverständlich selbst gemachte Chilisoße. Es wäre natürlich gelogen wenn ich schreiben würde dass ich das auf Dauer nicht eintönig fände, obwohl es immer sehr gut schmeckt. Seit kurzer Zeit habe ich deshalb im Guest-House des Colleges auch Bratkartoffeln mit Mayo bzw. Ketchup eingeführt. Jaja, ich weiß, Kulturverfälschung und so weiter…, mal sehen ob das demnächst auch mit Spaghetti klappt ! Ich könnte hier jetzt Seiten füllen mit den Unterschieden von Europa und Asien, aber das lasse ich mal lieber, und in Wirklichkeit sind die Indonesier, so wie ich sie auf Halmahera kennen gelernt habe, nicht anders als die Leute bei uns, sie wurden u. werden nur anders beeinflusst.
Ich freu mich auf meine restlichen 2 Monate, u.a. ab August auch auf Sumatra Tour, but no panic Ladys and Gentleman, I´ll come back !
Jeder von uns würde in einem Praktikum hier vor Ort (und natürlich an jedem anderen Ort auch) andere Eindrücke erleben, denn jeder interpretiert die gesehenen und erlebten Dinge je nach seiner eigenen Einstellung anders, weshalb man nie einen Bericht oder Reiseführer finden wird, der einem genau das sagt was man persönlich vor Ort auch mit seinen eigenen Augen so sehen wird, da sollte man schon selber herkommen und sich sein eigenes Bild machen und nach mir sind nächstes Jahr voraussichtlich weitere Studenten aus Deutschland hier in Nord-Halmahera willkommen !
Anbei noch ein paar Bilder aus meiner Ansicht ;o)
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